"Frieden verlangt Verständnis"

Argwohn zwischen Religionen und Ideologien, eine ideale Plattform für Konflikte: Je weniger die Menschen voneinander wissen, desto einfacher sind sie auf mannigfache Weise zu manipulieren ...

Nur wenige werden den seit immerhin fast Jahrhunderten schwelenden Konflikt zwischen Muslimen und Christen, Juden oder Hindus zum Anlaß nehmen, sich einmal grundsätzlich mit den verschiedenen Religionen und den von ihnen ausgehenden Ideologien ernsthafter zu beschäftigen.

Ebenso wie den Christen jeder schon von außen als solcher erkennbare Anhänger des Islam verdächtig vorkommt, so begleitet auch die Muslime ein ständiger Argwohn gegen Nicht-Muslime. Auf beiden Seiten wird dieser Argwohn, von den jeweiligen Fundamentalisten sogar gezielter Haß gegen die jeweils Anders-Gläubigen bewußt geschürt und damit das jeweilige Feindbild genährt. Dabei nähmen wir den jeweiligen religiösen Führern sofort das Heft ihres Handelns aus der Hand, wenn wir uns die Zeit nähmen, uns mit den Glaubensinhalten der jeweils anderen Religion einmal ausführlicher zu beschäftigen. So sind die meisten Muslime ebenso wenig radikal und fundamentalistisch, wie die meisten Christen und Juden. Allein aus dieser Erkenntnis ließe sich – egal, aus welcher ideologischen Ecke der Einzelne kommt – sehr schnell auf dem Boden einer uns alle einenden Humanität ein höchst friedliches Miteinander zimmern. Nur genau daran ist den ideologischen Einpeitschern auf allen Seiten nicht im mindesten gelegen. Wie in allen politischen Belangen – und auch die Religion ist eine Frage der Politik – richtet sich das Maß gegenseitiger Anerkennung und Verständnisses danach, wie hoch das Interesse und wie tief das Wissen und Verständnis um Zusammenhänge in der breiten Bevölkerung verankert ist. Man könnte auch kürzer formulieren:

Je weniger die Menschen voneinander wissen, desto eher sind sie zu radikalisieren, gegenseitig auch kriegerisch aufeinander zu hetzen und zu willigen Werkzeugen der jeweiligen ideologischen Führer umzufunktionieren.

Wer persönlich frei und ungezwungen sein Leben genießen möchte, sollte sich über die Hintergründe informieren, die ihn unfrei werden lassen, mittels derer er geistig und emotional in die Irre geführt und vergewaltigt wird. Frieden verlangt Verständnis; Verständnis verlangt Wissen um Zusammenhänge. Statt den Einpeitschern zu glauben und blind zu vertrauen, sollten wir uns selbst um Wissen und Verständnis bemühen – auch wenn das weniger bequem und bisweilen zeitraubend ist. 

(- H. W. Graf, zeitreport 165 -)

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